Ich empfinde diese Tatsache auf der einen Seite als gut, denn alles was mich ärgert, kann ich mit einem entspannten "ist ja nur noch für 'n paar Wochen" abtun. Auf der anderen Seite erreicht es gerade das Gegenteil: Anspannung. Stress. Druck. Ich habe nur noch so wenig Zeit in diesem Land und will doch noch so viel tun und sehen, geschweige denn von Dingen, die ich machen muss... und eins habe ich in den letzten Wochen gelernt: Während eines Auslandssemesters verpasst du ständig etwas. Denn egal, wo du bist und was du machst, es gäbe immer noch mehr und mit anderen Menschen. Das "sich präsent fühlen" und zufrieden im Hier und Jetzt wird einem nicht so leicht gemacht. Erst recht nicht wegen Facebook, wo man von seinen Erasmus-Kumpanen ständig noch tollere Bilder von noch schöneren Reisen siehst. (Was vermutlich nicht wahr ist, aber zumindest mir, kann man das sehr leicht weis machen.) Immerhin lässt dieses "Zuviel von allem" keine oder wenig Zeit für Heimweh. (ich freu mich schon auf sehr ruhige und langweilige Weihnachtstage - wirklich!)
Eine zweite Einsicht, die mir kam, ist, dass man sich ziemlich schnell an so viel Trubel und Unternehmungen gewöhnt und es erst mal ein unangenehmer Schlag für das Wohlbefinden ist, wenn man in die harte Realität zurückgeworfen wird, in der außer Uni und andere unangenehme Dinge nicht viel auf einen wartet und sich nach dem Ende des 3-wöchigem Besuch von Freunden beinahe verlassen fühlt. Nunja, dass dieses Gefühl nicht unbedingt zuträglich ist um einen richtig schönen Geburtstag zu haben ist wahrscheinlich verständlich. Trotzdem sind mir an diesem Tag wunderbare Dinge widerfahren und Menschen, die mich wirklich noch nicht lange kennen haben mir gratuliert (Facebook sei Dank) und mit mir gefeiert. Ich habe sogar ein englisches und französisches Geburtstagsständchen bekommen und Kuchen mit Kerzen, nicht zu vergessen die Geschenke, die mir die Heimreisenden dagelassen haben. Witzigerweise hat mein italiensicher "housemate" Angelo am selben Tag Geburtstag wie ich, was für mich ein Grund war Kuchen zu kaufen und ihn mit ihm zu teilen. Ich hätte ja wirklich gerne einen gebacken, aber leider ist unsere Küche nicht so gut ausgestattet und nicht besonders gemütlich. Aber wenn wir gerade in der Küche sind: Sonja und ich haben dort vor 2 Wochen richtige italienische Pasta von Angelo serviert bekommen.
Natürlich schreibe und fotografiere ich für diesen Blog nur die schönen Dinge, um die Leser neidisch zu machen! Um zu zeigen, dass ich noch nicht in eine isländische Traumwelt voller Elfen und gigantischen Landschaften abgedriftet bin, einiges zur Auslands-Realität: Wie so viele Austauschstudenten wohn ich in einem Guesthouse, nur das meins über den Winter immer noch für den Tourismus Betrieb geöffnet ist und nur der Keller an Studenten vermietet ist. Dummerweise hat man aber im Keller und vor allem meinem Zimmer eine schlechte bis garkeine Internetverbindung, was dazu führt, dass ich alles im Internet vorzugsweise in der Uni erledigen muss, was echt ärgerlich ist.
Neben dem Island-Traum gibt es Erwähnenswertes, das zeigt, dass ich hier durchaus auch was lerne und für die Uni tu. In der Zeit, als ich Besuch hatte, hab ich ein Referat vorbereiten und halten und einen Midterm-Test schreiben müssen. Jetzt beginnt die Phase, in der ich all das, für das ich keine Zeit hatte aufarbeiten muss und bald kommen dann Essays und Exams auf mich zu. Ich mach hier mittlerweile nur noch 4 Kurse, die aber teilweise zweimal die Woche sind und für die ich sehr viel außerhalb der Stunden machen muss. Sich dafür zu motivieren ist in so einem tollen Land mit so vielen Möglichkeiten nicht immer einfach ;)
Mitte Oktober ist hier immer ein, für viele isländische Bands die dadurch international bekannt wurden, legendäres Musikfestival: das Airwaves. Währenddessen ist Reykjavik noch ein bisschen cooler, als es sowieso schon ist. Auch ohne Bändchen kommt man in den Genuss von viel neuer Musik, denn von überall kommt irgendwie Live-Musik. Beim Friseur. Im Musikladen. In Bars. Dank der vielen Off Venue Spielorte kann man das Musikfestival garnicht umgehen. Leider hat meine Erkältung mir verboten ins Schwimmbad zu gehen und ein Konzert im Hot Pot sitzend zu erleben. Aber wie gesagt: Man verpasst immer was.
Bevor ich es vergesse: etwas, was ich bis zum Wochenende auch immer verpasst habe, waren Nordlichter. Seit Samstag Abend, an dem ich auf einer Party in einem anderen Guesthouse war, dessen Name zufälligerweise Aurora ist (der perfekte Platz also um Aurora Borealis zu erleben), kann ich auch dieses Naturphänomen auf meiner (nur im Kopf existierenden) Liste abhaken. Wir waren auf dem Balkon in diesem Haus, das mitten in der Stadt liegt und konnten somit über einen Teil von Reykjavík kucken und ein grünes, leuchtendes Nordlicht über den ganzen dunklen Himmel tanzen sehen. Ich war so glücklich! Es war allerdings eiskalt auf dem Balkon. Deswegen statt nicht-existierenden Fotos davon, Bilder von einer Fahrradtour (mein geliehenes Fahrrad hat hier noch nie Erwähnung gefunden, aber es ist ganz fabelhaft!) durch Reykjavík und dem ersten Schnee auf der Esja.